Was Sichtbarkeit mit Verantwortung zu tun hat

Sichtbarkeit wird oft als Ziel verstanden. Mehr Reichweite. Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Präsenz.

Doch Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck. Sie ist eine Wirkung – und damit eine Verantwortung.

Denn wer sichtbar ist, sendet Signale. Ob bewusst oder nicht.

Führungskräfte werden gelesen. In Worten. In Gesten. In dem, was sie sagen – und in dem, was sie vermeiden.

Sichtbar zu sein heißt nicht, alles von sich preiszugeben. Es heißt auch nicht, ständig Stellung zu beziehen.

Sichtbarkeit ist für mich auch persönlich.

Ich bin Führungskraft. Und ich bin schwul.

Beides ist kein Statement. Es ist Teil meiner Perspektive.

Nicht sichtbar zu sein, wäre ebenfalls eine Entscheidung gewesen. Eine, die wirkt – nur eben nach innen.

Sichtbar zu sein heißt für mich deshalb nicht, mich zu erklären. Sondern Verantwortung dafür zu übernehmen, welche Räume entstehen. Welche Sprache möglich ist. Und wer sich traut, ganz da zu sein.

Aber es heißt, sich der eigenen Wirkung bewusst zu sein.

Unsichtbarkeit ist keine Neutralität. Sie ist eine Entscheidung. Und manchmal eine bequeme.

Sichtbarkeit beginnt dort, wo man bereit ist, Verantwortung für das eigene Sein zu übernehmen. Für Haltung. Für Sprache. Für Grenzen.

Nicht jede Sichtbarkeit ist laut. Manche ist leise. Klar. Verlässlich.

Ein offenes Wort im richtigen Moment. Ein klares Stoppen, wenn etwas kippt. Ein Dableiben, wenn andere gehen.

Sichtbarkeit heißt nicht, Vorbild spielen zu wollen. Aber zu wissen, dass man eines ist. Nicht durch Absicht. Sondern durch Position.

Gerade in Führung reicht es nicht, korrekt zu handeln. Entscheidend ist, ob Menschen spüren, wofür man steht. Und wofür nicht.

Ich habe gelernt: Sichtbar zu sein verpflichtet nicht zur Perfektion. Aber zur Ehrlichkeit.

Zur Bereitschaft, sich prüfen zu lassen. Sich zu korrigieren. Und auch auszuhalten, dass nicht jede Haltung Beifall findet.

Verantwortung endet nicht bei Entscheidungen. Sie setzt sich fort in Wirkung.

Was löst mein Verhalten aus? Was ermögliche ich – und was verhindere ich? Wem gebe ich Raum, und wen lasse ich allein?

Sichtbarkeit ist kein Statement. Sie ist Beziehung.

Und vielleicht genau deshalb so anspruchsvoll.

Denn am Ende geht es nicht darum, gesehen zu werden. Sondern darum, tragfähig zu sein – für Menschen, für Teams, für das, was entsteht, wenn jemand hinschaut.

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© Christian Heinrich