Erfahrung – passt sie noch ins Jetzt?

Erfahrung gilt als Stärke.
Als etwas, das Sicherheit gibt.
Orientierung. Autorität.

Und lange Zeit habe ich das genauso gesehen.

Mit wachsender Erfahrung kommen Routinen. Muster. Abkürzungen im Denken. Vieles lässt sich schneller einordnen, schneller entscheiden.

Das ist hilfreich. Aber nicht automatisch richtig.

Denn Erfahrung hat eine Schattenseite. Sie kann beruhigen – und gleichzeitig blind machen.

Was gestern funktioniert hat, passt nicht zwangsläufig ins Heute. Und schon gar nicht ins Morgen.

Erfahrung ist kein Besitzstand. Sie ist ein Angebot. Und sie muss immer wieder neu geprüft werden.

Führung verändert sich. Nicht, weil alte Modelle falsch waren. Sondern weil sich Kontexte ändern.

Teams sind vielfältiger geworden. Arbeitswelten komplexer. Erwartungen widersprüchlicher.

Was früher als Klarheit galt, wirkt heute manchmal übergriffig. Was früher effizient war, kann heute Vertrauen kosten.

Der Wendepunkt kommt selten laut. Er zeigt sich in kleinen Irritationen.

Ein Satz, der hängen bleibt. Ein Blick, der ausweicht. Ein Mensch, der geht – nicht aus Protest, sondern aus Ermüdung.

Spätestens dann wird Erfahrung zur Frage.

Nicht: Was weiß ich?
Sondern: Was bin ich bereit zu hinterfragen?

Heute bin ich nicht sicherer als früher. Aber aufmerksamer.

Ich weiß nicht alles. Aber ich weiß:

Lernen ist keine Phase. Es ist Haltung.

Erfahrung passt ins Jetzt, wenn sie beweglich bleibt. Wenn sie zuhört. Wenn sie fragt. Wenn sie sich selbst relativieren kann.

Vielleicht ist das die eigentliche Reife von Erfahrung:

Nicht, Antworten zu liefern. Sondern bessere Fragen zu stellen.

Lust auf Austausch?

Ich freue mich über Gesprächsanfragen, Diskussionsrunden oder Interviewformate.

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© Christian Heinrich